Die Zukunft der 2800er Gelenkwagen

Mit der Nachricht über die geplante Anschaffung von 70 neuen Straßenbahnen, die von HitchiRail an Turin geliefert werden sollen, ist eine Diskussion über das künftige Schicksal der 2800er Gelenktriebwagen entstanden.

Viele Straßenbahnfans und Tramliebhaber machen sich Sorgen über das Los dieser orangefarbenen Gelenkwagen, die seit über 40 Jahren die Menschen durch die Stadt kutschieren und das Turiner Stadtbild prägen. Aber was für Wagen sind das, die 2800er? Es handelt sich um zweiteilige, sechsachsige ca. 20 m lange Hochflur-Gelenktriebwagen, die aus dem Zusammenbau von jeweils zwei älteren vierachsigen großräumigen Peter-Witt-Wagen entstanden sind, die ihrerseits im Laufe der 1930er Jahre von FIAT Materfer für die ATM Turin gebaut worden waren, und aus denen insgesamt 103 dieser Gelenkwagen zusammengebaut und in zwei Unterserien ausgeliefert wurden.

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Die erste Unterserie (TW 2800-2857) wurde bereits in den Jahren 1958-60 durch den Umbau von 116 Großraumwagen der Serie 2100-2200 von den Officine Moncenisio in Condove hergestellt, wobei (abgesehen vom neuen Gelenk) das ursprüngliche Aussehen der Wagen mit ihrer typisch kantigen Turiner Front- und Heckpartie, den runden Liniennummernkästen, den schmalen Fenstern, der eleganten hölzernen Inneneinrichtung, sowie dem nach dem Peter-Witt-Prinzip gestalteten Fahrgastfluss mit einer vorderen Einstiegstür und einer mittleren und hinteren Ausstiegstür erhalten blieb.
Erst Ende der 70er Jahre wurden die Wagen dieser Unterserie von Seac/Viberti modernisiert und für den schaffnerlosen Betrieb ertüchtigt. Dabei erhielten sie neue Aufbauten, eine dem damaligen Geschmack entsprechende Vorderfront und eine vierte Tür. Die schmalen Fenster wurden durch neue größere Einheitsfenster und im Innern wurde die Holzverkleidung durch neue Paneele aus Plastik ersetzt. Außerdem wurden  die Wagen im Einheitslook jener Zeit orange lackiert. Außer einer unübersehbaren Verschlimmbesserung ihres Erscheinungsbilds verloren die Wagen damals leider auch ihre ursprünglichen typischen Merkmale. 

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Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends wurden von den Turiner Verkehrsbetrieben zehn Wagen der Unterserie 2800-2857 außer Dienst gestellt. Einer dieser abgestellten Triebwagen wurde 2011 von GTT und ATTS geborgen und durch Rückbau in seinen ursprünglichen Zustand der 1960er Jahre restauriert. Dabei handelt es sich um TW 2847, der heute oft auf der historischen Linie 7 unterwegs ist. Ein weiterer dieser abgestellten Wagen (TW 2840) wurde von Turin als Schenkung in die brasilianische Stadt Santos abgegeben, wo er 2015/16 aufgearbeitet und zu einem Mehrzweck-Bistrowagen („Blonde Arte“) umgestaltet wurde.
Die überlebenden und heute noch eingesetzten Treibwagen dieser ersten Unterserie sind (abgesehen von TW 2847 und den drei zu Restaurantwagen umgebauten TW 2823, 2840 und 2841) inzwischen ziemlich verschlissen und für den Liniendienst eigentlich nicht mehr geeignet, denn ein Straßenbahnbetrieb mit Hochflurfahrzeugen, in denen teilweise 90 Jahre alte elektrische und mechanische Teile verbaut sind, ist heute in keiner Weise zeitgemäß. Nach Ansicht der ATTS sollte jedoch ein Wagen der ersten Lieferserie in seiner gegenwärtigen, orange lackierten Form unbedingt als historisches Zeitzeugnis erhalten bleiben. Der Rückbau eines weiteren 2800er Wagens in den Zustand der 60er Jahre (wie beim TW 2847) ist dagegen aus finanziellen Gründen eher unwahrscheinlich. 

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Die zweite Unterserie (TW 2858-2902) wurde hingegen erst 1982 vom Fahrzeugbauer Seac/Viberti in Carmagnola (Prov. Cuneo) realisiert. Dazu wurden 90 vierachsige Triebwagen der Serie 2500 verwendet. Diese neu aufgebauten Gelenkwagen wurden damals allerdings schon in der modernisierten, viertürig schaffnerlosen und orange lackierten Version hergestellt, die den kurz zuvor bereits modernisierten Schwesterwagen der ersten Unterserie sehr ähnlich sahen. 2007 erhielt einer dieser Wagen (TW 2874) dann probehalber eine vergrößerte und geschlossene Fahrerkabine mit Klimaanlage, wobei auch die elektrische Ausrüstung mit dem Ersatz der alten 600V-Sicherungskästen durch moderne magnetothermische 24V Leistungssicherungen verbessert wurde. Da sich dieser Prototyp bewährte, wurden noch 43 weitere Fahrzeuge der zweiten Unterserie nach diesem Model modernisiert. Die Umbauarbeiten wurden zwischen Juni 2009 und Mai 2010 von der Firma BM in Montirone (bei Brescia) durchgeführt und zwischen April 2011 und Mai 2012 auch bei 10 Wagen der ersten Unterserie, die durch ihren damals noch relativ guten Zustand diesen Eingriff rechtfertigten.
Die Triebwagen der zweiten Unterserie scheinen insgesamt weniger abgenutzt. Durch die substantielle Robustheit dieser Wagen könnte noch ein mehrjähriger Betrieb möglich sein. Solange von GTT aber nicht - außer den 70 schon bestellten - noch weitere neue Trambahnen angeschafft werden, wird ein Teil der 2800er Flotte auch weiterhin für den täglichen Betrieb unverzichtbar bleiben. Wie auch bei der ersten Unterserie schlägt die ATTS deshalb vor, schon heute ein Exemplar der zweiten Unterserie als historisches Fahrzeug vorzusehen. 

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Wird die Flotte der historischen Trambahnen Turins durch diese und weitere Turiner, bzw. auswärtige Tramwagen bereichert, dann wird in einigen Jahren das Rollmaterial für den Betrieb der Linie 7 und eventuell noch einer zweiten historischen Linie mehr als ausreichend sein. Der normale ÖPVN wird sich dann von diesen Linien durch die Verfügbarkeit von ausschließlich modernem Material unterscheiden, das den Anforderungen der heutigen Zeit uneingeschränkt entspricht.
Die Mailänder Wagen vom Typ „28” sind mit der Turiner Serie 2800 allerdings nicht zu vergleichen. Das gilt vielleicht eher für die mit diesen fast zeitgleich entstandenen 2500er Wagen, denn die haben quasi unverändert ihr prägendes Aussehen aus den 1930er Jahre konserviert und haben somit für die Stadt ikonische Bedeutung.

Die 2800er Gelenkwagen verkörpern schließlich ein wichtiges Zeitzeugnis der historischen Entwicklung der Stadt und des Verkehrsmittel Straßenbahn in Turin. Die erhaltenen Fahrzeuge dieser Serie sollten auch künftig in der Stadt unterwegs sein und zur Realisierung des „fahrenden Museums“ beitragen, das sich die ATTS als wichtigstem Vereinszweck auf die Fahnen geschrieben hat.