"La carrozza di tutti" (Die Kutsche aller) von Edmondo De Amicis. Auf Spazierfahrt im Turiner Pferdetram Ende des 19. Jh. (2011)

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2 ESPERIENZA ITALIA

Edmondo De Amicis

La carrozza di tutti. A spasso in tram nella Torino di fine Ottocento
(Die Kutsche aller. Auf Spazierfahrt im Turiner Pferdetram Ende des 19. Jh.)

Neudruck, herausgegeben von Stefano A. Cerrato und Antonella Grosso
(Veröffentlichung in italienischer Sprache)

2011, Aracne editrice

 

Vorbemerkung

Auf den vierzehn Turiner Pferdebahnlinien war im Jahr 1896 ein ziemlich neugieriger und hellhöriger Fahrgast unterwegs, der sich alles notierte, was an Bord dieser kleinen „demokratischen Salons auf Rädern“ oder in der Stadt rundherum passierte. Es war der mit dem Jugendroman „Herz” weltbekannt gewordene Schriftsteller Edmondo De Amicis, der zwei Jahre später mit „La carrozza di tutti“ ein weiteres Werk vorlegen sollte, in dem das Alltagsleben Turins des ausgehenden 19. Jahrhunderts in kräftigen Farben geschildert und die Turiner Bevölkerung äußerst lebhaft porträtiert werden sollte. Dieses weniger verbreitete Werk des Autors wird nun den heutigen Turinern durch Initiative der ATTS in einer Neuauflage vorgelegt - und zwar mit vertiefenden Noten und Bildern versehen, die den Leser auf eine beeindruckende Zeitreise durch die Straßen des damaligen Turin mitnimmt.

Der Entschluss zum Neudruck dieses Werkes De Amicis‘ reiht sich in Wirklichkeit in die zahlreichen Initiativen ein, die im Zusammenhang mit der Inbetriebnahme der historischen Trambahnlinie entstanden sind, die seit dem 27. März 2011 als erste ihrer Art in Italien durch Turin fährt und unter die Schirmherrschaft des Komitees „Italia 150“ und des Organisationskomitees für die 150-Jahr-Ferier zur Italienischen Einheit gestellt wurde.

Vettura tranviaria in piazza Castello - 1890 

Zum Kontext der Wiederveröffentlichung des Buches: Allgemeine Aspekte der historischen Trambahnlinie in Turin.

Die historische Trambahnlinie führt in Turin ein „fahrendes Museum“ ein, das als reguläre, in das normale städtische GTT-Netz eingebundene Straßenbahnlinie, auf der nur authentische  historische Wagen fahren, aufgebaut ist. Dabei stammen die Museumsfahrzeuge, die für die Einwohnerschaft und für ganz Italien den musealen Bestand darstellen, nicht nur vom Turiner Netz, sondern auch aus anderen italienischen, und sogar ausländischen Städten (wie Neapel, Bologna, Triest, Rom, sowie München).

Diese Museumslinie stellt das erste und einzige Projekt dieser Art in Italien dar und wurde von ähnlichen, im Ausland schon erfolgreich verwirklichten Initiativen angeregt, wie vor allem durch die “Market Street Railway” in San Francisco, sowie die historisch betriebenen Linien in Städten wie Oporto, Rotterdam, Stockholm, New Orleans, Santos und anderen.

Die historische Linie ist ab dem 27. März 2011 dauerhaft eingerichtet. Der Linienverlauf zeichnet dabei größtenteils den Rundkurs der ehemaligen „Linea die Viali“, d.h. der Alleenringlinie nach, die Anfang des 20. Jahrhunderts von der „belgischen“ Straßenbahngesellschaft betrieben wurde. Diese hatte damals einen Großteil der Turiner Pferdebahnlinien unter Konzession. Die historische Linie bedient also den Altstadtbereich, und daher kommt ihr nicht nur eine von Natur her touristische Aufgabe zu, sondern sie bedient auch die Beförderungsbedürfnisse vieler Fahrgäste mit, die im Innenstadtbereich leben und arbeiten. Das entspricht auch den schon seit längerem beschlossenen Planungen der Turiner Mobilitätsagentur „Agenzia per la Mobilità Metropolitana“.

Durch die Einrichtung der “Turiner Museumstramlinie” wird die Möglichkeit geschaffen, ein auf italienscher Ebene einzigartiges Pilotprojekt zu fördern, das das Image der Stadt mit seinen bedeutenden historischen Wurzeln in der Öffentlichkeit stärken, und somit positive Auswirkungen auf den Tourismus haben dürfte.

Die Stadt Turin hat diese Idee einer “historischen Trambahnlinie” mit Wohlwollen aufgenommen, und dafür auch die Unterstützung der anderen lokalen Körperschaften (Provinz Turin und Region Piemont) gewonnen. Schließlich wurde das Projekt auch vom Umweltministerium in das Förderprogramm zur Verbesserung der Luftqualität im städtischen Raum und zur Leistungssteigerung des öffentlichen Personennahverkehrs aufgenommen und finanziell unterstützt.

Mit der Restaurierung und Wiederinbetriebnahme historischer Fahrzeuge aus verschiedenen Epochen der italienischen Geschichte wird die Absicht verfolgt, den historischen Entwicklungsgang des öffentlichen Nahverkehrs, sowie den Fortschritt in der Fahrzeugtechnik und den gesellschaftlichen Wandel, der - wenn man so will - sich in diesen Verkehrsmitteln spiegelt und ihn dokumentiert, nachzuzeichnen und bewusst zu machen.

In diesem Blick auf die Vergangenheit, auf die Belange derjenigen, die das Land aufgebaut haben, die dabei mitgeholfen haben, es mit der Zeit modern und leistungsstark zu machen, im historische Vergleich, der dazu dienen kann, das Vergangene und das daraus Entstandene zu würdigen, ist das Konzept zum Aufbau der historischen Straßenbahnlinie verankert, in dessen Fahrwasser sich auch die vorliegende Neuausgabe des Buches von De Amicis ansiedeln möchte.

 

Die Gestalt und das Werk Edmondo De Amicis‘ als literarisches Kulturgut unseres Landes.

Der international bekannte Schriftsteller Edmondo De Amicis war mit der Stadt Turin gefühlsmäßig stark verbunden. Das ist sicher auch daran ersichtlich, das seine bedeutendsten Werke in der einstmals ersten Hauptstadt Italiens spielen, wie u.a. der Roman „Cuore“ (deutscher Titel „Herz. Ein Buch für die Jugend“) oder die Erzählung „La carrozza di tutti“ (1898, unübersetzt). In letzterem Erzählband zeichnet der Autor in meisterhafter Weise ein Bild des Turiner Alltagslebens und portraitiert seine Bewohner äußerst lebhaft aus einer ganz urtümlichen Perspektive, nämlich aus der eines Tramwagens, dem damals einzigen öffentlichen Verkehrsmittel.

Tram a cavalli in via Roma - 1890De Amicis lässt in seine Erzählung Aufzeichnungen, Gehörtes, Personenbeschreibungen und sonstige Kuriositäten über den Turiner Alltag einfließen, die er im Laufe des gansamten Jahres 1896 bei seinen Fahrten mit den „Kutschwagen für alle“ sammeln konnte. Dabei verflechtet er Begebenheiten des gesellschaftlichen Lebens mit Ereignissen von internationaler Bedeutung (wie z.B. den italienisch-äthiopischen Kolonialkrieg von 1895/96, der Italien große Verluste abverlangte).

Der Buch bietet also – und darin ist es sicher einzigartig – einen lebendigen Querschnitt der bürgerlichen Gesellschaft seiner Zeit; es lichtet in der Alltäglichkeit der Ereignisse und in der Natürlichkeit der beschriebenen Charaktäre, ganz normale Bürger ab, die in die Trambahn ihre kleinen und großen Alltagssorgen und Lebensfreuden mitbrachten. Das Buch ist eine leidenschaftliche Reportage über das damalige Turin, in der sich der heutige Leser spiegeln und mit der er sich auseinandersetzten kann, indem er verloren geglaubte Gewohnheiten und vergessene Gefälligkeiten wiederentdecken, oder sich über die außerordentliche Aktualität bestimmter Denk- und Verhaltensweisen wundern kann, mit denen die Leute damals an der Schwelle zur industriellen Revolution in die Trambahn stiegen.

 

Die Wiederveröffentlichung als feierlicher Anlass zur Würdigung der italienischen Geschichte im Rahmen des Projekts einer „historischen Trambahnlinie“ in Turin

Abgesehen von Großereignissen, die sich in Büchern und oft auch im kollektiven Bewusstsein einprägen, besteht die Geschichte eines Landes vor allem auch aus der Geschichte, bzw. den Geschichten der einfachen Menschen, in Handlungen normaler Alltäglichkeit.

Im Turin des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in dem sich der Schock über den Verlust des Hauptstadtstatus noch nicht verflüchtigt hatte (Turin war als Residenzstadt der Savoyer nach der Gründung des Königreichs Italien noch drei Jahre lang Hauptstadt geblieben, bis der Regierungssitz dann 1864 zunächst nach Florenz, später nach Rom verlegt wurde), und in der die gerade beginnende Entwicklung der Industrie (die FIAT-Werke werden 1899 gegründet) ihre ersten vorsichtigen Schritte wagt, war ein Trambahnwagen der ideale Ort für soziale Vergleiche und „demokratische“ Begegnungen. Er stellte gewissermaßen einen Mikrokosmos, eine Welt im Kleinen dar, die sich mit ihrem eigenen raschen Rhythmus durch den noch relativ ruhig  verlaufenden Turiner Alltags bewegte, und noch nicht vom automobilen Geschwindigkeitsrausch erfasst war, wohl aber schon von sozialen und kulturellen Spannungen durchsetzt, die noch heute   wenn auch auf ganz andere Weise – für die Stadt kennzeichnend sind.

Liest man das Buch von De Amicis heute, dann bedeutet das, sich auf einen natürlichen Vergleich mit Italienern früherer Generationen einzulassen, was aber auch heißt jene epochenübergreifenden Bindungen zu stärken, die den Jubiläumsfeierlichkeiten von 2011 gemein waren.

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Inhaltliche Besonderheiten des Neudrucks

Der bloße Nachdruck des Buches von 1899 hätte das Werk allerdings aus dem Gegenwartsbezug  herausgerissen und den Leser beim Vergleich mit der heutigen Realität verunsichert. Deshalb schien es angebracht, die Neuveröffentlichung mit einigen fachkundigen Beiträgen und Aufsätzen, sowie mit umfangreichem Illustrationsmaterial zu versehen. Auf über 50 Fotografien aus der Zeit des ausgehenden 19. Jh. werden das damalige Turin, die Turiner Bevölkerung und die Pferdebahnwagen der Zeit gezeigt. Außerdem enthält der Band vertiefende Erläuterungen zu historischen Ereignissen und zu Aspekten des gesellschaftlichen Lebens jener Zeit, die auch vermittels des „Originaltons“ einschlägiger Zeitungsartikel des Jahres 1896 erhellt werden, und die bei den von De Amicis gesammelten und wiedergegebenen Gesprächen der Fahrgäste untereinander zur Sprache kamen.

Im Einzelnen wird der Band durch folgende fachkundigen Beiträge ergänzt:

- durch eine kurze Vorbemerkung der GTT-Führungskraft und ATTS-Vorsitzenden Roberto Cambursano, in dem der Zusammenhang der Buchveröffentlichung mit dem Projekt der „historischen Trambahnlinie“ aufgezeigt wird;

- durch ein Vorwort des bekannten Turiner Schriftstellers Giuseppe Culicchia, der die Stadt in seinen Romanen und Essays immer wieder zum Thema gemacht hat, wie auch in seinem Theaterstück „Ritorno a Torino dei signori Tornio“ („Rückkehr der Tornios nach Turin", unübersetzt), welches an Bord einer Turiner Trambahn spielt;

- durch einen Aufsatz der Italianistin und De-Amicis-Kennerin Valentina Bezzi (Universität Venedig), die die von De Amicis gemachten Erfahrungen mittels „Originalton“ nachzeichnet, indem sie in einer kritischen Lektüre sowohl die rein literarischen, wie auch die soziokulturellen Zielsetzungen herausarbeitet, die sich der Autor bei seinen täglichen Tramtouren durch Turins Straßen des ausgehenden Jahhunderts gestellt haben mag;

- durch einen technisch-illustrativen Bericht über das Trambahnsystem des Jahres 1896 (Fahrzeuge, Linien, Strecken, usw.) von Antonio Accattatis, der schon weitere Bücher über die Geschichte des Turiner Personennahverkehrs veröffentlicht hat;

Dem Band ist darüber hinaus die Nachbildung eines Turiner Stadtplans von 1897 im DIN A-3-Format beigelegt, der dem im Turiner Stadtarchiv aufbewahrten jährlich erscheinenden Paravia-Stadtführer des gleichen Jahres entnommen ist.